Pop

Blame It on the Boogie – der ewige Kampf um einen Welthit

today18.03.2020

Hintergrund

Fast jeder kennt „Blame It on the Boogie“ als Hit der Jacksons mit Michael Jackson. Doch geschrieben wurde der Song von einem anderen Michael Jackson, der damals in Deutschland arbeitete. Seit fast fünf Jahrzehnten hält sich zudem eine unglaubliche Geschichte: Die Jacksons sollen den noch unveröffentlichten Titel heimlich mitgeschnitten und anschließend in den USA aufgenommen haben. In manchen Versionen der Legende taucht sogar Michael Jacksons Vater Joe mit einem Aufnahmegerät in einem Münchner Tonstudio auf. Was davon stimmt? Die Spur führt tatsächlich nach Deutschland – der angebliche Diebstahl fand dort aber offenbar nicht statt.

Es gibt Geschichten, die eigentlich zu schön sind, um wahr zu sein. Bei „Blame It on the Boogie“ beginnt das bereits mit den Namen der Beteiligten. Der Mann, der den Song schrieb, hieß Michael Jackson. Nur eben nicht jener Michael Jackson aus Gary, Indiana, der wenige Jahre später mit „Off the Wall“ und „Thriller“ zum größten Popstar der Welt werden sollte.

Der andere Michael Jackson war der britische Sänger und Songwriter Michael George Jackson-Clarke, der sich Mick Jackson nannte und Ende der 70er-Jahre in Deutschland arbeitete. Gemeinsam mit seinem Bruder David und dem deutschen Musiker Elmar Krohn schrieb er einen Song, den heute praktisch jeder kennt. „Blame It on the Boogie“ entstand in der aufblühenden Disco-Ära und wurde ursprünglich sogar mit dem Gedanken geschrieben, dass vielleicht einmal Stevie Wonder daraus etwas machen könnte. Stattdessen sollte ausgerechnet die berühmteste Musikerfamilie Amerikas dafür sorgen, dass der Titel weltweit bekannt wurde.

Ein Welthit mit deutschen Wurzeln

Mick Jackson bewegte sich damals in der deutschen Musikszene und gehörte zur Münchner Disco-Welt, die Ende der 70er-Jahre international enorm einflussreich war. Deutschland und insbesondere München waren zu dieser Zeit längst keine musikalische Provinz mehr. Giorgio Moroder und Donna Summer hatten von dort aus bereits gezeigt, dass international erfolgreiche Discomusik durchaus aus einem deutschen Tonstudio kommen konnte.

Auch Mick Jackson nahm seine eigene Version von „Blame It on the Boogie“ bereits auf, bevor die Jacksons den Song veröffentlichten. Damit ist ein wichtiger Punkt eindeutig: Die Jacksons haben den Titel weder geschrieben noch ursprünglich erfunden. Als Autoren sind Mick Jackson, sein Bruder David Jackson und Elmar Krohn dokumentiert, und daran bestand später auch kein ernsthafter Zweifel.

Damit beginnt allerdings erst der interessante Teil der Geschichte.

Wurde der Song tatsächlich heimlich aufgenommen?

Seit Jahren kursiert eine besonders spektakuläre Version der Ereignisse. Demnach soll Joe Jackson, der Vater und damalige Manager der Jackson-Familie, den Song in einem Münchner Studio gehört und heimlich mit einem Aufnahmegerät mitgeschnitten haben. Anschließend habe er die Aufnahme mit in die USA genommen, wo seine Söhne den Titel schnell selbst einspielten.

Für diese konkrete Geschichte findet sich allerdings kein belastbarer Beleg.

Sie dürfte verschiedene tatsächliche Ereignisse miteinander vermischen. Denn eine Geschichte über einen heimlichen Mitschnitt existiert tatsächlich – nur spielte sie nach Mick Jacksons eigener Darstellung nicht in einem Münchner Tonstudio, sondern auf einer der wichtigsten Musikmessen der damaligen Zeit.

1978 wurde „Blame It on the Boogie“ auf der MIDEM in Cannes vorgestellt. Dort traf sich die internationale Musikindustrie, um Künstler, Produktionen und Songs zu präsentieren und Geschäfte abzuschließen. Genau dort soll ein Vertreter aus dem Umfeld der Jacksons Mick Jacksons Aufnahme gehört haben.

Mick Jackson erzählte später, der Manager der Jacksons habe den Song auf der MIDEM gehört, eine Aufnahme davon mitgenommen und sie anschließend in die USA gebracht. Dort hätten die Jacksons sehr schnell ihre eigene Version eingespielt, damit diese möglichst früh veröffentlicht werden konnte.

Das ist etwas anderes als die Geschichte vom heimlich lauschenden Joe Jackson im Münchner Studio. Trotzdem bleibt die Vorstellung bemerkenswert: Ein noch nicht veröffentlichter europäischer Disco-Song wird auf einer Musikmesse gehört, landet kurze Zeit später in Amerika und wird dort von einer der berühmtesten Musikfamilien der Welt aufgenommen.

Michael Jackson erzählte die Geschichte anders

Vollkommen eindeutig wird der Fall allerdings auch dadurch nicht, denn aus dem Umfeld der Jacksons existiert eine andere Darstellung.

Michael Jackson erinnerte sich später daran, dass Bobby Colomby, der an der Entstehung des Albums „Destiny“ beteiligt war, den Song zur Gruppe gebracht habe. Michael gefiel der Titel, weil er hervorragend zu dem funkigeren und selbstbewussteren Bandsound passte, den die Jacksons damals entwickeln wollten.

Von einem heimlichen Mitschnitt oder einem gestohlenen Song ist in dieser Darstellung keine Rede.

Genau hier muss man deshalb zwischen einer belegten Tatsache und einer bis heute nicht vollständig geklärten Geschichte unterscheiden. Sicher ist, dass Mick Jackson und seine Mitautoren den Song geschrieben hatten und dass seine Version bereits existierte. Ebenfalls sicher ist, dass die Jacksons den Titel anschließend rechtmäßig veröffentlichten und die ursprünglichen Autoren auch als Urheber geführt wurden.

Ob der entscheidende Kontakt tatsächlich über einen heimlichen Mitschnitt auf der MIDEM zustande kam, lässt sich dagegen im Wesentlichen auf Mick Jacksons spätere Darstellung zurückführen. Für die wesentlich dramatischere Geschichte, Joe Jackson habe den Song mit einem Diktiergerät in einem Münchner Studio gestohlen, gibt es keine vergleichbar belastbare Grundlage.

Von einem klassischen Songdiebstahl kann ohnehin kaum gesprochen werden. Die Jacksons behaupteten nicht dauerhaft, den Titel selbst geschrieben zu haben, und die tatsächlichen Autoren erhielten ihre entsprechenden Credits.

Plötzlich gab es zwei Michael Jacksons mit demselben Song

Was anschließend passierte, dürfte in der Popgeschichte trotzdem ziemlich einmalig sein.

Sowohl Mick Jackson als auch die Jacksons hatten nun eine fertige Aufnahme von „Blame It on the Boogie“. Die Plattenfirmen wussten natürlich voneinander und wollten verhindern, dass die jeweils andere Version zuerst den Markt eroberte.

Damit begann ein regelrechtes Veröffentlichungsrennen.

In Großbritannien erschienen beide Versionen im September 1978 innerhalb weniger Tage. Die Situation war für die Musikpresse geradezu unwiderstehlich, denn plötzlich konkurrierten nicht nur zwei Versionen desselben Songs miteinander. Auf beiden stand auch noch der Name Michael Jackson.

Die britischen Medien machten daraus die „Battle of the Boogie“.

Sogar die Radiosender bezogen teilweise Position. Mick Jackson erinnerte sich später daran, dass BBC Radio 1 die Version der Jacksons spielte, während Capital Radio seine Aufnahme bevorzugte. Auch im Fernsehen wechselten sich die Konkurrenten praktisch ab. Mick Jackson trat zuerst bei „Top of the Pops“ auf, eine Woche später folgten die Jacksons. Rückblickend bezeichnete er diese Konkurrenz keineswegs verbittert, sondern als hervorragende Werbung für beide Veröffentlichungen.

Am Anfang war das Rennen erstaunlich knapp

Heute wirkt es beinahe selbstverständlich, dass Michael Jacksons Version gewinnen musste. 1978 war das jedoch keineswegs so eindeutig.

Mick Jacksons Original erreichte in Großbritannien Platz 15. Die Version der Jacksons kam auf Platz 8. Selbst in den USA war „Blame It on the Boogie“ zunächst kein gigantischer Pop-Hit. Mick Jackson erreichte dort Platz 61 der Billboard Hot 100, während die Jacksons mit ihrer Version lediglich bis Platz 54 kamen. Im amerikanischen R&B-Bereich war deren Aufnahme mit Platz 3 allerdings wesentlich erfolgreicher.

Erst langfristig wurde aus der Version der Jacksons jene Aufnahme, die sich in das kollektive Gedächtnis der Popmusik eingebrannt hat. Michael Jacksons unverwechselbare Stimme, die Energie der Brüder und die etwas druckvollere Produktion verliehen dem Song einen Charakter, gegen den das Original auf Dauer kaum ankommen konnte.

Bemerkenswert ist, wie Mick Jackson später selbst darüber sprach. Obwohl es sein Song war und obwohl er sich über die Entstehung der Konkurrenzversion durchaus wunderte, erkannte er deren Qualität ausdrücklich an. 2003 sagte er sinngemäß, seine eigene Aufnahme habe hundert Prozent Herz und Seele besessen, die Jacksons hätten jedoch jene zusätzlichen zwei Prozent Magie hinzugefügt, die ihre Version außergewöhnlich machten.

Das ist vermutlich eines der schönsten Komplimente, das ein Songwriter einem Konkurrenten machen kann.

Aus dem Verlierer wurde trotzdem ein Gewinner

Auch wirtschaftlich ist die Geschichte weniger tragisch, als die Legende vom gestohlenen Welthit vermuten lässt. Mick Jackson verlor zwar den Kampf darum, welche Version dauerhaft berühmt wurde, aber er verlor nicht seinen Song.

Als Mitautor profitierte er davon, dass die Jacksons „Blame It on the Boogie“ weltweit bekannt machten. Jede erfolgreiche Veröffentlichung, Aufführung und entsprechende Nutzung erhöhte schließlich auch den Wert der Komposition. Später wurde der Titel von zahlreichen weiteren Künstlern aufgenommen.

1989 landete die britische Gruppe Big Fun mit einer neuen Version sogar auf Platz 4 der britischen Charts und erreichte damit dort eine höhere Platzierung als sowohl Mick Jackson als auch die Jacksons elf Jahre zuvor.

Ausgerechnet der Konkurrenzkampf, der zunächst wie ein Albtraum für einen Songwriter wirken musste, machte „Blame It on the Boogie“ damit langfristig noch wertvoller.

Und was ist nun mit Joe Jackson und dem Diktiergerät?

Die Geschichte vom Vater Michael Jacksons, der heimlich in einem Münchner Tonstudio sitzt und einen fremden Song auf einem Diktiergerät mitschneidet, ist großartig. Sie besitzt nur ein entscheidendes Problem: In den nachvollziehbaren Darstellungen der Geschichte taucht sie so nicht auf.

Wahrscheinlich wurden im Laufe der Jahrzehnte mehrere Elemente miteinander verbunden. Mick Jackson arbeitete in Deutschland und seine Aufnahme entstand in diesem Umfeld. Gleichzeitig berichtete er später tatsächlich von einem Mitschnitt durch einen Vertreter der Jacksons. Dieser soll jedoch auf der MIDEM in Cannes entstanden sein und nicht heimlich durch Joe Jackson in einem Münchner Aufnahmestudio.

Aus einer Musikmesse, einem Tape und einem Manager wurde über Jahrzehnte offenbar die wesentlich schönere Geschichte vom Vater des späteren King of Pop mit dem Diktiergerät.

Die Wirklichkeit ist weniger spektakulär, aber eigentlich viel interessanter.

Denn am Ende stehen tatsächlich zwei Männer namens Michael Jackson, zwei nahezu gleichzeitig veröffentlichte Versionen desselben Songs und ein Wettlauf zweier Plattenfirmen um die Charts. Der eine Michael Jackson hatte den Song geschrieben, während der andere ihn schließlich weltberühmt machte.

Und vielleicht liegt genau darin die schönste Ironie dieser Geschichte.

Mick Jackson verlor 1978 die „Battle of the Boogie“, weil die Version seines Namensvetters erfolgreicher wurde. Als Songwriter konnte er sich jedoch kaum etwas Besseres wünschen, als dass ausgerechnet Michael Jackson und seine Brüder seinen Song für die Ewigkeit aufnahmen.

Manchmal gewinnt im Musikgeschäft eben nicht die Aufnahme, die zuerst da war. Manchmal gewinnt der Song.

Geschrieben von: admin


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