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Volle Tanzflächen, laute Musik und eine Schlange vor der Tür – und trotzdem rechnet sich der Abend kaum noch. Deutschlands Clubszene befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Steigende Kosten treffen auf veränderte Ausgehgewohnheiten und eine junge Generation, die anders feiert als ihre Eltern. DJ und myhitmusic-Musikredakteur Wolfgang Gutneder beobachtet diese Entwicklung seit Jahren. Er muss es wissen: Seit fast vier Jahrzehnten steht er als DJ im Capitol Hannover hinter den Plattentellern.
Als das Capitol Hannover 1986 seine Türen öffnete, sah die Welt des Nachtlebens noch anders aus.
Freitag- und Samstagabend bedeuteten für ganze Generationen: Disco. Man traf Freunde, tanzte, trank etwas – und blieb nicht selten bis zum Morgengrauen. Clubs waren dabei mehr als Räume mit einer Tanzfläche. Sie waren Treffpunkte, musikalische Entdeckungsorte und ein wichtiger Teil der Jugendkultur.
Wolfgang Gutneder hat diese Entwicklung aus einer Perspektive erlebt, die nur wenige besitzen. Seit fast 40 Jahren gehört er als Resident-DJ zum Capitol Hannover, spielte darüber hinaus in zahlreichen Clubs und Diskotheken in und um Hannover und ist heute auch als DJ und Musikredakteur für myhitmusic tätig.
Und er beobachtet seit einiger Zeit eine Veränderung.
„Die Leute wollen immer noch feiern. Aber sie feiern anders als früher.“
Genau darin liegt möglicherweise der Kern eines Problems, das inzwischen Clubs in ganz Deutschland beschäftigt.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Doch eine aktuelle Untersuchung der Berliner Clubszene zeigt genau dieses Bild: Die Nachfrage nach Clubkultur ist weiterhin vorhanden, gleichzeitig verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation vieler Betreiber.
Während 2017 noch 79 Prozent der untersuchten Clubs zumindest kostendeckend arbeiteten, waren es 2025 nur noch 61 Prozent. 39 Prozent schrieben Verluste.
Die Ursachen liegen auf beiden Seiten der Kasse.
Mieten und Pachten sind gestiegen, ebenso Energie-, Betriebs- und Personalkosten. Gleichzeitig hat die Inflation dafür gesorgt, dass auch die Gäste stärker auf ihr Geld achten müssen.
Ein Clubabend ist teuer geworden.
Eintritt, Garderobe, Getränke, Taxi oder öffentliche Verkehrsmittel – schnell kostet eine einzige Nacht einen Betrag, über den besonders Schüler, Auszubildende und Studierende inzwischen zweimal nachdenken.
Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel, der aus gesundheitlicher Sicht durchaus positiv ist, für das klassische Geschäftsmodell eines Clubs aber erhebliche Folgen hat.
Junge Menschen trinken offenbar weniger Alkohol und verbringen weniger Zeit im Club.
In der Berliner Clubstudie berichten 73 Prozent der Betreiber von rückläufigem Alkoholkonsum ihrer Gäste. 60 Prozent beobachten gleichzeitig eine steigende Nachfrage nach alkoholfreien Getränken und 57 Prozent kürzere Aufenthaltszeiten.
Das trifft Clubs an einer empfindlichen Stelle.
Denn jahrzehntelang finanzierte nicht allein der Eintritt die Nacht – vor allem der Getränkeumsatz machte Veranstaltungen wirtschaftlich möglich.
Auch dieses Verhältnis hat sich dramatisch verändert. 2017 kamen in den untersuchten Berliner Clubs rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränken. Heute sind es nur noch 20 Prozent. Der Eintritt ist dagegen zur wichtigsten Einnahmequelle geworden.
„Früher kamen die Leute und verbrachten praktisch die ganze Nacht im Club. Heute kommen viele später oder gehen früher. Und natürlich verändert das einen Abend auch wirtschaftlich“, beschreibt Wolfgang seine Beobachtung.
Gleichzeitig entstehen neue Formen des Feierns.
Dayraves, Open-Air-Veranstaltungen und Partys, die bereits am Nachmittag beginnen, gewinnen an Bedeutung. Man trifft sich früher, feiert einige Stunden und liegt nicht erst morgens um sechs im Bett.
Auch Bars, Festivals und spontane Treffen konkurrieren heute stärker mit der klassischen Diskothek.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Generation das Feiern verlernt hat.
Vielleicht hat sie lediglich entschieden, anders zu feiern.
Und genau darin sieht Wolfgang einen entscheidenden Unterschied zu früher:
„Jede Generation entwickelt ihre eigene Art auszugehen. Das war schon immer so. Aber die Veränderungen passieren heute schneller. Ein Club kann nicht einfach davon ausgehen, dass ein Konzept, das zwanzig Jahre funktioniert hat, auch die nächsten zwanzig Jahre funktioniert.“

Dazu kommt eine Entwicklung, die ein DJ besonders deutlich wahrnimmt.
Früher war die Diskothek ein wichtiger Ort, um neue Musik überhaupt kennenzulernen. Ein DJ konnte einen unbekannten Titel auflegen und beobachten, wie sich ein Song innerhalb weniger Wochen zum Publikumsliebling entwickelte.
Heute trägt nahezu jeder Gast Millionen Songs in der Hosentasche.
TikTok, Spotify, YouTube und soziale Netzwerke entscheiden häufig schon lange vor dem Samstagabend darüber, welche Titel bekannt sind. Der Club ist nicht mehr automatisch der Ort, an dem musikalische Trends entstehen.
Die Aufgabe des DJs hat sich damit verändert – verschwunden ist sie allerdings nicht.
„Du kannst einen Song analysieren, Streams zählen und Trends beobachten. Aber wenn du vor einer Tanzfläche stehst, merkst du innerhalb weniger Sekunden, ob ein Titel funktioniert. Diese unmittelbare Reaktion bekommst du nirgendwo anders.“
Vielleicht ist „Clubsterben“ dafür sogar ein zu einfaches Wort.
Menschen wollen weiterhin gemeinsam Musik hören, tanzen, Freunde treffen und feiern. Daran dürfte sich wenig ändern.
Aber das klassische Modell der Diskothek – nachts öffnen, Eintritt kassieren und einen wesentlichen Teil des Abends über Getränke finanzieren – gerät zunehmend unter Druck.
Die Herausforderung wird deshalb darin bestehen, neue Konzepte zu entwickeln, ohne das zu verlieren, was einen Club überhaupt ausmacht.
Wolfgang hat in fast vier Jahrzehnten Vinyl, CD, MP3 und Streaming kommen sehen. Musikrichtungen verschwanden und kehrten zurück. Generationen wechselten vor seinem DJ-Pult.
Deshalb betrachtet er die Entwicklung mit Sorge – aber nicht ohne Hoffnung.
„Solange Menschen gemeinsam Musik erleben wollen, wird es Orte geben, an denen sie zusammen feiern. Die Frage ist nur, wie diese Orte in zehn Jahren aussehen werden.“
Vielleicht liegt genau darin die Zukunft der Clubkultur.
Nicht darin, die Nacht von früher künstlich am Leben zu erhalten.
Sondern darin, herauszufinden, wie die nächste Generation ihre Nacht – oder vielleicht ihren Nachmittag – verbringen möchte.
Geschrieben von: admin
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