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today05.03.2020
Es klingt wie eine Legende aus dem Musikgeschäft: Paul McCartney erklärt seinem Freund Michael Jackson, warum Musikrechte eine fantastische Geldanlage sind. Jackson hört aufmerksam zu – und kauft wenige Jahre später ausgerechnet die Rechte an einem großen Teil der Beatles-Songs. McCartney ist fassungslos, die Freundschaft der beiden bekommt einen schweren Riss und Jackson besitzt plötzlich einen der wertvollsten Musikkataloge der Welt. Doch die Geschichte geht noch viel weiter. Aus den 47,5 Millionen Dollar, die Michael Jackson 1985 investierte, wurde über die folgenden Jahrzehnte ein Vermögenswert in Milliardenhöhe. Und entgegen einer bis heute verbreiteten Legende verkaufte Jackson seine Beatles-Rechte keineswegs aus Angst wieder. Als er 2009 starb, gehörte ihm noch immer die Hälfte eines der mächtigsten Musikverlage der Welt.
Es gibt Geschichten, die im Rückblick fast zu perfekt wirken, um wahr zu sein. Die Geschichte von Michael Jackson, Paul McCartney und den Beatles-Rechten gehört dazu. Anfang der 1980er-Jahre waren Jackson und McCartney nicht nur zwei der berühmtesten Musiker der Welt, sondern tatsächlich miteinander befreundet. Sie arbeiteten gemeinsam an Songs wie „The Girl Is Mine“ und „Say Say Say“, verbrachten Zeit miteinander und sprachen dabei offenbar auch über die geschäftliche Seite der Musik. McCartney hatte schon früh verstanden, dass man im Musikgeschäft nicht nur mit eigenen Platten Geld verdienen konnte. Besonders interessant waren für ihn die Rechte an Kompositionen, denn wer einen solchen Musikkatalog besitzt, kann immer wieder mitverdienen, wenn die entsprechenden Songs im Radio gespielt, gecovert, in Filmen verwendet oder anderweitig lizenziert werden. McCartney hatte deshalb selbst begonnen, Musikverlagsrechte zu erwerben und erklärte seinem jüngeren Freund, wie lukrativ dieses Geschäft sein konnte.
Nach späteren Erzählungen zeigte McCartney Jackson sogar ein Verzeichnis seiner Musikrechte und erklärte, welche Einnahmen solche Songs generieren konnten. Jackson soll daraufhin sinngemäß angekündigt haben, eines Tages McCartneys Songs zu kaufen. McCartney verstand das offenbar eher als Scherz unter Musikern. Wenige Jahre später war es keiner mehr.
Um zu verstehen, wie Michael Jackson überhaupt Beatles-Songs kaufen konnte, muss man etwas weiter zurückgehen. John Lennon und Paul McCartney hatten die Publishing-Rechte an ihren Kompositionen nicht dauerhaft selbst behalten. Ein großer Teil der Lennon/McCartney-Songs lag bei dem Musikverlag Northern Songs, der später in den Besitz von ATV Music gelangte. Dabei ging es nicht um die berühmten Beatles-Aufnahmen selbst, sondern um die zugrunde liegenden Kompositionen. Eine Aufnahme von „Yesterday“ und die Komposition „Yesterday“ sind rechtlich zwei unterschiedliche Dinge. Wer die Publishing-Rechte an der Komposition kontrolliert, sitzt an einer entscheidenden Stelle der wirtschaftlichen Verwertung eines Songs.
Als ATV Music Mitte der 1980er-Jahre zum Verkauf stand, umfasste der Katalog ungefähr 4.000 Songs, darunter rund 250 Lennon/McCartney-Kompositionen und damit einige der wertvollsten Titel der Popgeschichte. Jackson erkannte sofort, welche Gelegenheit sich dort bot. Sein Anwalt und Berater John Branca führte monatelange Verhandlungen, es gab mehrere Interessenten, doch Jackson bestand darauf, den Katalog erwerben zu wollen. Im August 1985 wurde das Geschäft schließlich abgeschlossen: Michael Jackson zahlte 47,5 Millionen Dollar für ATV Music. Damit kontrollierte der damals erst 26-jährige Superstar plötzlich die Publishing-Rechte an einem großen Teil des Lennon/McCartney-Katalogs. (latimes.com)
Für Paul McCartney muss diese Entwicklung besonders bitter gewesen sein. Er hatte Jackson zuvor selbst erklärt, wie wertvoll Musikverlagsrechte sein konnten, und nun hatte sein Freund ausgerechnet einen großen Teil jener Songs gekauft, die McCartney gemeinsam mit John Lennon geschrieben hatte. Dabei wäre es zu einfach zu behaupten, Jackson habe McCartney den Katalog heimlich vor der Nase weggeschnappt. Die Eigentumsverhältnisse und Verkaufsverhandlungen waren komplizierter, und McCartney hatte nach eigener Darstellung unter anderem mit Yoko Ono über einen möglichen gemeinsamen Erwerb gesprochen. Trotzdem blieb emotional eine unangenehme Wahrheit bestehen: Michael Jackson verdiente nun als Musikverleger an zahlreichen Songs mit, die Paul McCartney selbst geschrieben hatte. McCartney machte später keinen Hehl daraus, dass ihm diese Situation missfiel, und das zuvor freundschaftliche Verhältnis zwischen beiden kühlte deutlich ab.
Wirtschaftlich erwies sich Jacksons Entscheidung dagegen als außergewöhnlich klug. Ein großer Song verliert seinen Wert nicht zwangsläufig, nur weil er älter wird. „Yesterday“, „Hey Jude“ oder „Let It Be“ können Jahrzehnte nach ihrer Entstehung weiterhin im Radio gespielt, neu aufgenommen, in Filmen eingesetzt oder für andere Zwecke lizenziert werden. Jackson hatte deshalb keinen gewöhnlichen Vermögenswert gekauft, sondern einen Katalog mit Musik, die bereits bewiesen hatte, dass sie Generationen überdauern konnte. Die 47,5 Millionen Dollar waren 1985 eine gewaltige Investition und keineswegs ohne Risiko, doch mit den Jahren wurde immer deutlicher, welchen Schatz Jackson erworben hatte.
Zehn Jahre später folgte der nächste entscheidende Schritt. Sony interessierte sich für Jacksons Musikverlag und schlug eine Zusammenlegung mit dem eigenen Publishing-Geschäft vor. 1995 entstand daraus Sony/ATV Music Publishing. Jackson verkaufte seinen Katalog dabei keineswegs einfach an Sony und verabschiedete sich aus dem Geschäft. Stattdessen brachte er ATV in das neue gemeinsame Unternehmen ein, erhielt einen hohen Geldbetrag und behielt gleichzeitig einen Anteil von 50 Prozent. Sony besaß die andere Hälfte.
Berichten zufolge erhielt Jackson bei dieser Transaktion rund 110 bis 115 Millionen Dollar. Damit hatte er bereits mehr als doppelt so viel Geld erhalten, wie er zehn Jahre zuvor für ATV bezahlt hatte, und trotzdem gehörte ihm weiterhin die Hälfte des nun wesentlich größeren Musikverlages. Genau darin lag der eigentliche Geniestreich des Geschäfts. Aus einem für 47,5 Millionen Dollar gekauften Songkatalog war innerhalb eines Jahrzehnts ein Anteil an einem internationalen Musikverlagskonzern geworden. Sony/ATV wuchs in den folgenden Jahren weiter und kontrollierte irgendwann nicht mehr nur Beatles-Kompositionen, sondern ein riesiges Repertoire internationaler Songs. (latimes.com)
Gleichzeitig entwickelte sich jedoch eine merkwürdige Diskrepanz zwischen Jacksons Vermögen und seiner finanziellen Realität. Sein Lebensstil verschlang enorme Summen, Neverland musste unterhalten werden, Personal, Reisen und Sicherheitsmaßnahmen kosteten Millionen, während Jackson gleichzeitig erhebliche Kredite aufnahm. Sein Anteil an Sony/ATV gehörte zu seinen wertvollsten Vermögenswerten und wurde deshalb auch für Banken interessant. Berichte beschrieben später Schulden und Kreditkonstruktionen in dreistelliger Millionenhöhe, wobei sein Publishing-Anteil beziehungsweise damit verbundene Vermögenswerte als wichtige Sicherheiten dienten. Jackson konnte deshalb gleichzeitig gewaltige Schulden und ein noch gewaltigeres Vermögen besitzen. Er war nicht einfach mittellos, sondern hatte vor allem ein zunehmendes Liquiditätsproblem. (latimes.com)
Genau aus dieser Situation entstanden später zahlreiche Gerüchte. Anfang der 2000er-Jahre geriet Jackson öffentlich mit Sony aneinander, insbesondere im Zusammenhang mit der Vermarktung seines Albums „Invincible“ und seinem Verhältnis zum damaligen Sony-Music-Chef Tommy Mottola. Jackson griff Mottola öffentlich scharf an und behauptete, Künstler würden von der Musikindustrie ausgenutzt. Gleichzeitig wussten natürlich alle Beteiligten, welchen enormen Wert Jacksons Anteil an Sony/ATV inzwischen hatte. Daraus entwickelte sich später die Erzählung, Sony habe Jackson finanziell unter Druck setzen wollen, um ihn irgendwann zum Verkauf seines Anteils zu zwingen. In extremeren Varianten wurde sogar behauptet, zahlreiche Probleme seiner späteren Karriere hätten letztlich mit dem Kampf um diesen Katalog zu tun gehabt.
Für eine solche große Verschwörung gibt es jedoch keine belastbaren Beweise. Belegt sind Jacksons hohe Schulden, die Bedeutung seines Sony/ATV-Anteils als Vermögenswert und Sicherheit sowie sein heftiger Konflikt mit Sony. Ebenso nachvollziehbar ist, dass Jackson diesen Anteil unbedingt behalten wollte. Die Behauptung, Sony habe ihn systematisch wirtschaftlich zerstören wollen, um an seine Beatles-Rechte zu gelangen, geht dagegen über das hinaus, was sich seriös nachweisen lässt.
Und hier liegt einer der größten Irrtümer in der populären Version dieser Geschichte: Michael Jackson verkaufte seinen Sony/ATV-Anteil zu Lebzeiten überhaupt nicht.
Als Michael Jackson am 25. Juni 2009 im Alter von 50 Jahren stirbt, ist seine finanzielle Situation kompliziert. Er hinterlässt erhebliche Verbindlichkeiten, gleichzeitig besitzt sein Nachlass außergewöhnlich wertvolle Vermögenswerte. Einer der größten davon ist weiterhin sein Anteil an Sony/ATV Music Publishing. Damit wird deutlich, warum die oft erzählte Geschichte, Jackson habe irgendwann Angst bekommen und deshalb seine Beatles-Rechte wieder verkauft, nicht stimmt. Trotz seiner finanziellen Probleme und trotz des Konflikts mit Sony hielt er seinen Anteil bis zu seinem Tod.
Erst sieben Jahre später, 2016, verkaufte der Michael-Jackson-Nachlass seine 50 Prozent an Sony. Der vereinbarte Gesamtwert der Transaktion betrug rund 750 Millionen Dollar. Sony erklärte damals, dass etwa 733 Millionen Dollar an Jacksons Estate gezahlt würden, ergänzt um bereits vorgesehene Ausschüttungen und weitere Anpassungen. (sony.com)
Erst an diesem Punkt wird die ganze Dimension des Geschäfts von 1985 sichtbar. Jackson hatte ursprünglich 47,5 Millionen Dollar für ATV bezahlt. Bereits bei der Zusammenlegung mit Sony im Jahr 1995 erhielt er einen dreistelligen Millionenbetrag und behielt trotzdem 50 Prozent des neuen Unternehmens. Über viele Jahre profitierte er zusätzlich vom Publishing-Geschäft, und 2016 wurde allein der verbliebene Anteil seines Nachlasses in einem Geschäft mit einem Gesamtwert von rund 750 Millionen Dollar verkauft. Die einfache Rechnung „47,5 Millionen investiert und später 750 Millionen zurückbekommen“ greift deshalb sogar zu kurz, weil der Katalog Jackson schon lange vorher Einnahmen und wirtschaftlichen Einfluss verschafft hatte.
Die Geschichte bekam Jahre später noch eine weitere Wendung. Nach amerikanischem Urheberrecht können Songwriter unter bestimmten Voraussetzungen Jahrzehnte nach einer ursprünglichen Rechteübertragung versuchen, amerikanische Publishing-Rechte zurückzuerlangen. Paul McCartney begann deshalb ein entsprechendes Verfahren bezüglich seiner Lennon/McCartney-Kompositionen und erzielte 2017 schließlich eine vertrauliche Einigung mit Sony/ATV. Auf eine merkwürdige Weise schloss sich damit ein Kreis: Der junge McCartney hatte Songs geschrieben, deren Rechte später anderen gehörten, Jahrzehnte danach erklärte er Michael Jackson, wie wertvoll Musikverlagsrechte sein können, und noch einmal Jahrzehnte später kämpfte er darum, die Kontrolle über seine eigenen Kompositionen zurückzugewinnen.
Dabei bleibt ein wichtiger Unterschied, der in der populären Erzählung häufig verloren geht: Michael Jackson hatte niemals einfach „die Beatles gekauft“. Ihm gehörten weder die Band noch die berühmten Originalaufnahmen und auch nicht sämtliche Rechte an deren Musik. Was er über ATV erwarb, waren Publishing-Rechte an einem großen Teil des Lennon/McCartney-Songkatalogs. Trotzdem war genau dieser Besitz außerordentlich wertvoll, denn wer an der Komposition eines Welthits beteiligt ist, kann über Jahrzehnte von dessen wirtschaftlicher Nutzung profitieren. Bei den Beatles ging es zudem nicht um einen einzelnen Welthit, sondern um einen der bedeutendsten Songkataloge der Popgeschichte.
Heute wirkt Jacksons Strategie beinahe modern. Investmentfonds und große Musikkonzerne geben inzwischen Milliarden für Songkataloge aus, während die Rechte von Künstlern wie Bob Dylan, Bruce Springsteen oder Queen für Hunderte Millionen Dollar beziehungsweise noch höhere Summen gehandelt wurden. Musik wird längst wie eine langfristige Anlageklasse betrachtet. Michael Jackson hatte dieses Prinzip bereits Mitte der 1980er-Jahre verstanden.
Und vielleicht liegt genau darin die schönste Ironie dieser Geschichte. Paul McCartney wollte seinem jüngeren Freund offenbar erklären, wie das Geschäft hinter der Musik funktioniert. Er zeigte Michael Jackson, dass ein Künstler nicht nur mit seinen eigenen Platten Geld verdienen kann, sondern dass der Besitz großer Kompositionen langfristig ein Vermögen schaffen kann. Jackson hörte sehr genau zu, und als wenig später einer der wertvollsten Musikkataloge der Welt auf den Markt kam, tat er genau das, was McCartney ihm erklärt hatte.
Er kaufte ihn für 47,5 Millionen Dollar.
Die Freundschaft zwischen beiden überstand diesen geschäftlichen Konflikt nicht mehr in ihrer früheren Form, doch für Michael Jackson wurde der ATV-Kauf zu einer der wichtigsten finanziellen Entscheidungen seines Lebens. Der Mann, den die Welt vor allem als Sänger, Tänzer und Entertainer kannte, bewies damit zugleich ein bemerkenswertes Gespür für das Geschäft hinter der Musik.
Die oft erzählte Legende lautet, Michael Jackson habe die Beatles gekauft und die Rechte später aus finanzieller Not oder aus Angst vor Sony wieder verkaufen müssen. Die wirkliche Geschichte ist viel interessanter: Paul McCartney erklärte Michael Jackson, wie wertvoll Songs sein können. Jackson glaubte ihm – und machte aus diesem Rat eines der spektakulärsten Geschäfte der Popgeschichte.
Geschrieben von: admin
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