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Wenn der Konzertabend zum Luxus wird – warum Tickets immer teurer werden

today26.03.2023

Hintergrund

180 Euro für einen Sitzplatz, mehrere Hundert Euro für besonders begehrte Kategorien und bei manchen Superstars Preise, für die man früher einen Kurzurlaub buchen konnte: Konzerttickets sind erheblich teurer geworden. Seit der Corona-Pandemie stiegen die Preise in Deutschland im Durchschnitt um rund 30 Prozent. Doch wer verdient eigentlich daran – und warum kostet ein Abend mit dem Lieblingsstar plötzlich so viel?

Ein Konzert gehörte einmal zu den Dingen, für die Jugendliche ihr Taschengeld zusammensparten.

Natürlich waren große Stars auch früher nicht billig. Doch inzwischen müssen selbst Erwachsene bei manchen Ticketpreisen zweimal hinschauen.

Ein prominentes Beispiel waren Adeles Konzerte in München. Für einige Kategorien wurden zwischen 180 und 600 Euro verlangt – und dabei blieb es für die Besucher natürlich nicht. Anreise, möglicherweise Hotel, Essen und Getränke kamen noch hinzu.

Aus einem Konzertabend kann so schnell eine Investition von mehreren Hundert Euro werden.

Und Adele ist kein Einzelfall.

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft geht davon aus, dass Konzertpreise innerhalb von fünf Jahren durchschnittlich um etwa 30 Prozent gestiegen sind.

Doch warum?

Eine Tournee ist eine reisende Kleinstadt

Ein Teil der Erklärung befindet sich hinter der Bühne.

Wer heute eine große Stadionproduktion besucht, sieht nicht einfach einen Musiker, ein paar Verstärker und einige Scheinwerfer.

LED-Wände von gigantischen Ausmaßen, aufwendige Bühnenkonstruktionen, Video-, Licht- und Lasertechnik, Spezialeffekte und teilweise Pyrotechnik gehören bei internationalen Stars inzwischen beinahe zum Standard.

Und all das reist mit.

Dutzende Lastwagen transportieren Bühne und Equipment von Stadt zu Stadt. Techniker, Fahrer, Produktionscrews, Security, Catering und zahlreiche weitere Mitarbeiter müssen bezahlt und untergebracht werden.

Gleichzeitig sind Energie, Transport, Hallenmieten, Versicherungen und Personalkosten erheblich gestiegen.

Nach der Pandemie verschärfte sich die Situation zusätzlich. Viele Fachkräfte hatten während der langen Veranstaltungspause die Branche verlassen. Qualifiziertes Personal wurde knapp – und damit teurer.

Ein modernes Großkonzert ist deshalb längst ein Unternehmen auf Zeit.

Streaming hat das Geschäftsmodell verändert

Doch die gestiegenen Kosten erklären nur einen Teil der Entwicklung.

Auch die Bedeutung eines Konzerts für Künstler hat sich verändert.

Jahrzehntelang verdiente die Musikindustrie erhebliche Summen mit dem Verkauf von Tonträgern. Eine erfolgreiche Tournee unterstützte dabei häufig das neue Album.

Heute hat sich dieses Verhältnis teilweise umgedreht.

Musik ist durch Streaming jederzeit verfügbar. Doch besonders für Künstler außerhalb der absoluten Streaming-Spitze entstehen daraus häufig wesentlich geringere Einnahmen, als früher mit erfolgreichen Tonträgerverkäufen möglich waren.

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft verweist darauf, dass nur ein kleiner Teil des Einkommens vieler Künstler aus Tonträgerverkäufen und Streaming stammt.

Damit wird die Bühne immer wichtiger.

Früher half die Tour, das Album zu verkaufen. Heute hilft der Song auf Spotify möglicherweise dabei, das Konzertticket zu verkaufen.

Auch die Künstlergagen steigen

Wer live zur wichtigsten Einnahmequelle macht, verlangt entsprechend höhere Honorare.

Besonders bei international gefragten Künstlern sind die Gagen deutlich gestiegen. Veranstalter konkurrieren darum, erfolgreiche Acts für Tourneen und Festivals zu bekommen.

Und am Ende landet auch dieser Wettbewerb im Ticketpreis.

Dabei entsteht ein interessanter Kreislauf.

Das Publikum erwartet von einem Superstar eine spektakuläre Show. Die spektakuläre Show kostet Millionen. Der Künstler und sein Team verlangen höhere Honorare. Das Ticket wird teurer – und für den höheren Ticketpreis erwartet das Publikum wiederum eine noch größere Show.

Größere Bühne.

Mehr Bildschirme.

Mehr Effekte.

Mehr Spektakel.

Und damit noch höhere Kosten.

Wenn der Algorithmus den Ticketpreis bestimmt

Ein weiterer Faktor sorgt bei Fans zunehmend für Diskussionen: Dynamic Pricing.

Das Prinzip kennen wir längst von Flugtickets und Hotels.

Der Preis ist nicht unbedingt fest, sondern kann sich abhängig von der Nachfrage verändern. Wollen besonders viele Menschen gleichzeitig ein begrenztes Angebot kaufen, steigt der Preis.

Aus Sicht der Anbieter steckt dahinter eine einfache Überlegung: Wenn ein Ticket später auf dem Schwarz- oder Zweitmarkt ohnehin für 300 Euro verkauft wird, warum sollte der ursprüngliche Veranstalter es für 100 Euro anbieten?

Aus Sicht des Fans klingt dieselbe Rechnung allerdings anders:

Warum soll der Sitzplatz plötzlich mehr kosten, nur weil besonders viele Menschen denselben Künstler sehen möchten?

Auch in Deutschland ist eine nachfrageabhängige Preisgestaltung grundsätzlich möglich. Entscheidend ist unter anderem, dass der tatsächlich verlangte Preis für den Käufer transparent erkennbar ist.

VIP ist das neue First Class

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung.

Ein Konzert besitzt heute nicht mehr unbedingt nur einen Eintrittspreis.

Early Entry, Golden Circle, Premium Seat, VIP-Package, Hospitality oder besondere Merchandise-Pakete teilen das Publikum zunehmend in unterschiedliche Preiskategorien.

Das funktioniert ähnlich wie im Flugzeug.

Alle kommen zum selben Ziel – aber längst nicht alle bezahlen dasselbe.

Für Veranstalter und Künstler sind solche Premiumangebote attraktiv, weil besonders begeisterte Fans offensichtlich bereit sind, erheblich mehr für ein besonderes Erlebnis zu bezahlen.

Die entscheidende Größe lautet deshalb nicht mehr ausschließlich:

Was kostet das Konzert?

Sondern zunehmend:

Was ist ein Fan maximal bereit, für dieses Konzert zu bezahlen?

Wann wird Live-Musik zum Luxus?

Und genau hier wird die Entwicklung problematisch.

Denn Konzerte sind mehr als ein Wirtschaftsgut.

Für viele Menschen gehören sie zu den wichtigsten Erinnerungen ihrer Jugend. Das erste große Konzert, die Lieblingsband mit Freunden oder jener Abend, von dem man Jahrzehnte später noch erzählt.

Wenn solche Erlebnisse für Schüler, Auszubildende, Studierende oder Familien kaum noch bezahlbar werden, verändert sich auch die gesellschaftliche Bedeutung von Live-Musik.

Dabei sollte man allerdings nicht den Eindruck erwecken, jedes Konzert koste inzwischen 200 Euro.

Kleine Clubs, Nachwuchskünstler und viele mittelgroße Veranstaltungen sind weiterhin zu wesentlich niedrigeren Preisen zu erleben.

Das Paradoxe daran:

Gerade dort kann man heute möglicherweise etwas erleben, das bei den gigantischen Stadionproduktionen verloren zu gehen droht.

Einen Künstler aus wenigen Metern Entfernung.

Eine Bühne ohne hundert Meter LED-Wand.

Und einen Abend, bei dem am Ende tatsächlich die Musik die größte Attraktion ist.

Vielleicht wird deshalb ausgerechnet die Explosion der Preise bei den Superstars wieder mehr Menschen in kleinere Clubs und Konzerthallen führen.

Denn die beste Live-Musik muss nicht zwangsläufig die teuerste sein.

Und manchmal entsteht die Erinnerung, von der man noch zwanzig Jahre später erzählt, eben nicht auf einem 300-Euro-Platz im Stadion.

Sondern für 30 Euro drei Meter vor einer kleinen Bühne.

Geschrieben von: admin


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