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Die Nostalgie zieht weiter – lösen die 90er jetzt die 80er ab?

today01.04.2023

Hintergrund

Synthesizer, Neonfarben und große 80er-Hits bestimmten jahrelang die musikalische Retro-Welle. Doch inzwischen drängt das nächste Jahrzehnt nach vorn. Eurodance, House, Trip-Hop, Grunge und 90er-Pop werden wiederentdeckt – von Menschen, die damals dabei waren, und von einer Generation, die die 90er nur aus Erzählungen kennt. Lösen die 90er also die 80er als neues Lieblingsjahrzehnt der Nostalgie ab?

Es war kaum zu überhören.

Über Jahre schien sich die Popmusik wieder in die 1980er verliebt zu haben. Analoge Synthesizer, elektronische Drums, große Flächen und Sounds, die irgendwo zwischen Synthpop und New Wave lagen, tauchten plötzlich wieder in modernen Produktionen auf.

Künstler wie The Weeknd oder Dua Lipa machten deutlich, dass ein Sound nicht alt klingen muss, nur weil seine musikalischen Wurzeln vier Jahrzehnte zurückliegen.

Doch Nostalgie bewegt sich.

Und inzwischen klopft das nächste Jahrzehnt ziemlich energisch an die Tür.

Willkommen zurück in den 90ern

Wer heute durch Musik, Mode und soziale Netzwerke schaut, begegnet den 90ern beinahe überall.

Baggy Pants sind zurück. Alte Spielekonsolen und CDs werden wieder interessant. Ästhetiken, die noch vor einigen Jahren hoffnungslos veraltet wirkten, werden von einer jungen Generation neu entdeckt.

Und natürlich kehrt auch die Musik zurück.

Dabei waren die 90er musikalisch vermutlich schwieriger auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen als die 80er.

Auf der einen Seite standen Nirvana, Pearl Jam und der Grunge. Auf der anderen Seite Take That, Backstreet Boys oder die Spice Girls. Hip-Hop entwickelte sich endgültig vom Subkultur-Phänomen zum Massenmarkt, während gleichzeitig House, Techno, Trance und Eurodance Europas Clubs und Charts eroberten.

SNAP!, Culture Beat, 2 Unlimited, Dr. Alban, Haddaway oder Mr. President lieferten einen Sound, der unverkennbar mit dieser Zeit verbunden ist.

Und genau dieser Sound wird heute wieder interessant.

Selbst Musikrichtungen, die lange Zeit von manchen eher belächelt wurden, werden von einer neuen Generation ohne die damaligen Vorurteile gehört. Eurodance und Trance tauchen wieder in Clubs auf, 90er-Partys funktionieren längst nicht mehr nur als ironische Zeitreise und aktuelle Produktionen bedienen sich ganz selbstverständlich bei Sounds und Ideen jener Zeit.

Selbst der Trip-Hop der mittleren 90er erlebt nach Beobachtung der Spotify-Musikredaktion ein Revival in aktueller Popmusik.

Warum Nostalgie immer ungefähr 30 Jahre braucht

Dass ausgerechnet jetzt die 90er zurückkehren, ist nicht besonders überraschend.

Popkultur bewegt sich häufig in Wellen.

Die Kinder und Jugendlichen eines Jahrzehnts werden erwachsen. Irgendwann besitzen sie Kaufkraft, gestalten Medien und erinnern sich an die Musik ihrer Jugend. Gleichzeitig entdeckt die nächste Generation genau diese Zeit erstmals für sich.

Plötzlich ist etwas nicht mehr altmodisch, sondern retro.

Ein Teenager des Jahres 2026 verbindet mit einem Eurodance-Song von 1994 schließlich keine peinliche Jugenderinnerung. Für ihn ist diese Musik schlicht ein Sound aus einer anderen Zeit.

Und darin liegt ein entscheidender Unterschied.

Eine neue Generation kann die Vergangenheit neu bewerten, weil sie deren damalige Geschmacksurteile nicht übernommen hat.

Was 2005 vielleicht als hoffnungslos veralteter 90er-Dance galt, kann 2026 plötzlich wieder frisch und ungewöhnlich klingen.

TikTok hat das musikalische Gedächtnis verändert

Hinzu kommt ein Phänomen, das frühere Retro-Wellen in dieser Form nicht kannten.

Soziale Netzwerke und Streamingdienste haben die Grenzen zwischen den Jahrzehnten praktisch abgeschafft.

Für einen jungen Hörer liegt zwischen einem Song von 1996 und einer Veröffentlichung von letzter Woche manchmal nur ein Wischen auf dem Smartphone.

Ein alter Titel kann innerhalb weniger Tage viral werden. Ein Sample kann einen fast vergessenen Song zurück in die Öffentlichkeit holen. Und ein 30 Jahre alter Refrain kann plötzlich einem Publikum bekannt sein, das bei seiner Veröffentlichung noch lange nicht geboren war.

Musikalische Vergangenheit ist dadurch jederzeit verfügbar geworden.

Aber verschwinden die 80er deshalb?

Wahrscheinlich nicht.

Denn die 80er haben etwas geschafft, was jedem Retrotrend irgendwann passieren kann: Teile ihres Sounds sind längst wieder Bestandteil moderner Popmusik geworden.

Synthesizer, elektronische Drums und die Produktionsästhetik dieses Jahrzehnts werden heute so selbstverständlich eingesetzt, dass sie häufig gar nicht mehr als Retro wahrgenommen werden.

Vielleicht erleben wir deshalb weniger eine Ablösung als eine Erweiterung.

Die 80er bleiben – aber die 90er kommen hinzu.

Und irgendwann werden auch die 2000er endgültig aus der Kategorie „noch gar nicht so lange her“ in die Welt der Nostalgie wechseln.

Aus Erinnerung wird Entdeckung

Das Spannendste an dieser Entwicklung ist ohnehin nicht, welches Jahrzehnt am Ende gewinnt.

Es sind die unterschiedlichen Perspektiven.

Wer 1994 in einer Diskothek zu „Rhythm Is A Dancer“ getanzt hat, hört den Song heute zusammen mit Erinnerungen an eine bestimmte Zeit seines Lebens.

Ein 18-Jähriger hört denselben Titel vielleicht zum ersten Mal – und hört einfach einen ungewöhnlichen Dance-Track.

Für den einen ist es Erinnerung.

Für den anderen eine Entdeckung.

Und vielleicht erklärt genau das, warum alte Musik niemals wirklich alt wird.

Die 90er müssen die 80er deshalb gar nicht vom Retro-Thron stoßen. Beide Jahrzehnte verschmelzen zunehmend zu einem riesigen musikalischen Archiv, aus dem sich Popkultur immer wieder neu bedient.

Nur der Scheinwerfer wandert gerade ein Stück weiter.

Die 80er sind geblieben. Aber die 90er sind wieder da.

Geschrieben von: admin


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