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„Das klingt wie Radiomusik.“ Eigentlich müsste das ein Kompliment sein. Ein Song, der gut genug ist, um von Millionen Menschen gehört zu werden. Doch immer häufiger ist damit etwas ganz anderes gemeint: glatt, vorhersehbar, austauschbar. Immer dieselben Hits, ähnliche Stimmen und Moderatoren, die auf verschiedenen Frequenzen beinahe dasselbe sagen. Hat das Radio ausgerechnet seine größte Stärke verloren – die Lust, Musik zu entdecken?
Es gibt Begriffe, deren Bedeutung sich irgendwann verändert.
„Radiotauglich“ gehörte einmal zu den größten Komplimenten, die man einem Popsong machen konnte.
Ein Titel besaß einen starken Refrain, eine gute Produktion und das Potenzial, ein großes Publikum zu erreichen.
Heute kann derselbe Satz ganz anders gemeint sein.
„Typische Radiomusik.“
Das klingt dann eher nach einem Song, der niemanden stört – aber vielleicht auch niemanden wirklich begeistert.
Woher kommt dieses Image?
Ganz aus der Luft gegriffen ist die Kritik an mangelnder musikalischer Vielfalt nicht.
Die GEMA hat in einer Langzeituntersuchung die Programme von 139 deutschen Radiosendern analysiert.
Das Ergebnis ist bemerkenswert.
Private Radiosender spielten 2024 im Durchschnitt etwa 2.300 unterschiedliche Titel pro Sender im gesamten Jahr.
Bei öffentlich-rechtlichen Programmen waren es durchschnittlich mehr als 10.000.
Natürlich sagt diese Zahl allein noch nichts darüber aus, wie häufig einzelne Songs wiederholt werden. Doch sie zeigt, wie unterschiedlich Radio programmiert werden kann.
Noch deutlicher wird es beim sogenannten Nischenrepertoire.
Während bei öffentlich-rechtlichen Programmen durchschnittlich knapp 30 Prozent der gespielten Musik aus Bereichen jenseits des breiten Mainstreams stammen, sind es bei privaten Stationen weniger als fünf Prozent.
Wer also das Gefühl hat, im Radio immer wieder auf dieselben bekannten Songs zu treffen, bildet sich das nicht vollständig ein.
Die Antwort darauf ist zunächst überraschend:
Weil es funktioniert.
Ein kommerzieller Radiosender besitzt eine andere Aufgabe als die persönliche Spotify-Playlist eines einzelnen Hörers.
Er muss gleichzeitig möglichst vielen Menschen gefallen.
Dem 24-Jährigen auf dem Weg zur Universität ebenso wie der 48-Jährigen im Büro oder dem 39-Jährigen im Auto.
Und genau dort beginnt das Problem.
Je größer die Zielgruppe wird, desto kleiner wird möglicherweise der gemeinsame musikalische Nenner.
Deshalb betreiben Radiosender seit Jahrzehnten Musikforschung.
Hörer bekommen kurze Ausschnitte von Songs vorgespielt und bewerten sie. Ist der Titel bekannt? Gefällt er? Hat man ihn möglicherweise schon zu oft gehört?
Aus diesen Ergebnissen entstehen Rotationen.
Songs mit hoher Akzeptanz laufen häufiger. Titel, die polarisieren, verschwinden schneller.
Das klingt wissenschaftlich.
Und wirtschaftlich ist es nachvollziehbar.
Doch irgendwann entsteht daraus ein merkwürdiges Prinzip:
Der beste Song ist nicht unbedingt derjenige, den die meisten Menschen lieben – sondern möglicherweise derjenige, bei dem die wenigsten abschalten.
Genau hier beginnt das Problem des modernen Formatradios.
Wenn jeder unbekannte Titel zunächst ein Risiko darstellt, wird Bekanntes automatisch sicherer.
Der große Hit aus den 80ern funktioniert.
Der getestete aktuelle Popsong funktioniert.
Der bekannte 90er-Hit funktioniert ebenfalls.
Warum also etwas spielen, das ein Teil des Publikums möglicherweise nicht kennt?
Weil genau das einmal eine der wichtigsten Aufgaben des Radios war.
Musik entdecken.
Generationen lernten neue Künstler über das Radio kennen. DJs und Musikredakteure spielten Titel, an die vorher niemand geglaubt hatte. Manche davon wurden gerade deshalb Hits.
Heute konkurriert Radio dabei mit Spotify, YouTube, TikTok und unzähligen anderen Plattformen.
Ausgerechnet in dieser Situation könnte musikalische Überraschung eine Stärke sein.
Stattdessen versuchen manche Programme, jedes Risiko aus ihrer Playlist zu entfernen.
Und klingen dadurch am Ende möglicherweise genauso wie ihre Konkurrenz.
Auch sprachlich entsteht dieser Eindruck.
„Die größten Hits.“
„Mehr Musik.“
„Der beste Mix.“
„Die Hits von heute.“
Sendernamen ändern sich – die Versprechen ähneln sich.
Und auch die Moderation wurde über Jahrzehnte immer stärker formatiert.
Wann gesprochen wird, wie lange ein Break dauern darf und welche Inhalte hineinpassen sollen, folgt bei vielen Programmen klaren Regeln.
Das besitzt Vorteile.
Ein professionell formatiertes Radioprogramm klingt zuverlässig und aufgeräumt.
Aber Perfektion kann einen Preis haben.
Wenn jeder Satz perfekt in das Format passen muss, verschwinden irgendwann möglicherweise genau jene Ecken und Kanten, an denen sich Persönlichkeit erkennen lässt.
Die großen Radiofiguren früherer Jahrzehnte waren nicht unbedingt perfekt.
Aber man erkannte sie.
An ihrer Stimme.
An ihrem Humor.
An ihrer Musikauswahl.
Und manchmal auch daran, dass sie etwas sagten, das so garantiert nicht auf einer Moderationskarte gestanden hatte.
Natürlich gibt es solche Persönlichkeiten auch heute noch.
Doch gleichzeitig wächst bei vielen Musikprogrammen der Anteil langer Musikstrecken mit immer kürzeren Moderationen.
Damit nähert sich Radio ausgerechnet seinem größten Konkurrenten an:
der Streaming-Playlist.
Und dagegen kann lineares Radio kaum gewinnen.
Spotify benötigt keinen Verkehrsfunk, keine Nachrichten und keinen Moderator, um 15 Songs hintereinander abzuspielen.
Wenn Radio nur noch Musik abspielt, stellt sich irgendwann zwangsläufig die Frage:
Warum brauche ich dafür Radio?
Dabei besitzt Radio etwas, das kein Algorithmus vollständig ersetzen kann.
Menschen.
Ein guter Musikredakteur kann einen unbekannten Song hören und sagen: Den probieren wir.
Ein Moderator kann eine Geschichte erzählen, die nirgendwo im Sendeschema vorgesehen war.
Ein Sender kann eine musikalische Identität besitzen, die man nach drei Songs erkennt – ohne dass dazwischen ein Jingle laufen muss.
Und natürlich muss nicht jeder Sender 50.000 Titel spielen.
Formatierung ist nicht automatisch schlecht.
Ein Classic-Rock-Sender sollte nicht plötzlich Schlager spielen, nur um Vielfalt zu demonstrieren. Ein Dance-Kanal braucht keinen Jazzabend, um kulturell wertvoll zu sein.
Vielfalt bedeutet nicht, alles zu spielen.
Vielfalt bedeutet, innerhalb einer musikalischen Idee neugierig zu bleiben.
Auch einmal den zweiten Titel eines Albums zu spielen.
Einen neuen Künstler auszuprobieren.
Einen vergessenen Song zurückzuholen.
Und einem Musikredakteur gelegentlich mehr zu vertrauen als einer Excel-Tabelle.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung.
Radio muss nicht Spotify schlagen.
Es muss etwas anbieten, was eine automatisch erzeugte Playlist nicht kann.
Überraschen.
Einordnen.
Unterhalten.
Gesellschaft leisten.
Und manchmal einen Song spielen, den der Hörer niemals selbst gesucht hätte.
Wenn „Radiomusik“ inzwischen tatsächlich für manche Menschen wie ein Schimpfwort klingt, sollte die Antwort deshalb nicht darin bestehen, noch genauer zu berechnen, welcher Song garantiert niemanden stört.
Vielleicht braucht gutes Radio wieder ein bisschen mehr Mut dazu, nicht jedem zu gefallen.
Denn ein Sender, bei dem niemals jemand sagt:
„Was spielen die denn jetzt?“
wird vermutlich auch nur selten dafür sorgen, dass jemand sagt:
„Was für ein großartiger Song – den kannte ich noch gar nicht.“
Geschrieben von: admin
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