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Macht TikTok die Musik kaputt – oder rettet es sie gerade?

today24.03.2023

Hintergrund

Ein paar Sekunden eines Songs können heute über eine Musikkarriere entscheiden. Unbekannte Künstler erreichen plötzlich Millionen Menschen, während längst vergessene Titel nach Jahrzehnten wieder in die Charts zurückkehren. TikTok ist zu einem der wichtigsten Musikentdecker der Welt geworden. Gleichzeitig verändert die Plattform aber auch, wie Songs geschrieben, produziert und vermarktet werden. Ist TikTok damit ein Segen für die Musik – oder beginnt die Musik bereits, sich dem Algorithmus anzupassen?

Früher war der Weg zum Hit ziemlich klar vorgegeben. Ein Künstler brauchte ein Label, Radio-Airplay, Promotion, vielleicht einen Auftritt im Musikfernsehen und vor allem Menschen innerhalb der Musikindustrie, die bereit waren, Geld und Zeit in seine Karriere zu investieren.

Heute kann theoretisch ein Smartphone genügen.

Ein Song taucht in einem kurzen Video auf, andere Nutzer übernehmen ihn, ein Trend entsteht und innerhalb weniger Tage wird aus einem unbekannten Titel plötzlich ein millionenfach gehörter Song. Danach beginnt häufig eine interessante Wanderung: von TikTok zu Spotify, Apple Music oder YouTube und im besten Fall irgendwann auf die Konzertbühne.

Wie groß dieser Einfluss inzwischen ist, zeigen Zahlen einer von TikTok beauftragten Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Luminate. Demnach waren 84 Prozent der Songs, die 2024 neu in die weltweiten Billboard Global 200 einstiegen, zuvor auf TikTok viral gegangen. Das bedeutet natürlich nicht, dass TikTok 84 Prozent dieser Hits erschaffen hat. Es zeigt aber, wie eng die Plattform inzwischen mit dem Erfolg aktueller Musik verbunden ist.

Noch deutlicher wird diese Verbindung bei einer kleinen Funktion namens „Add to Music App“. Damit können Nutzer einen gerade entdeckten Song direkt bei einem Streamingdienst speichern. Innerhalb von zwölf Monaten wurde diese Funktion mehr als sechs Milliarden Mal genutzt.

TikTok ist damit längst nicht mehr nur eine Videoplattform, auf der zufällig Musik läuft. Es ist zu einem der mächtigsten Musikmarketing-Instrumente der Welt geworden.

Der Traum für unbekannte Künstler

Für Nachwuchsmusiker kann diese Entwicklung eine enorme Chance sein. Noch nie war es theoretisch so einfach, ohne millionenschwere Werbekampagne ein internationales Publikum zu erreichen. Ein Künstler benötigt zunächst keinen Radioredakteur, der seinen Song auswählt, und möglicherweise nicht einmal ein großes Label. Wenn genügend Menschen einen Titel entdecken und weiterverwenden, kann eine Karriere plötzlich eine Dynamik entwickeln, die früher kaum vorstellbar gewesen wäre.

Allerdings hat auch die Musikindustrie längst verstanden, wie wertvoll diese Mechanik ist. Labels beobachten Trends, Marketingabteilungen arbeiten mit Influencern und Künstler überlegen gemeinsam mit ihren Teams, welche Passage eines neuen Songs besonders gut in kurzen Videos funktionieren könnte.

Aus dem vermeintlich spontanen TikTok-Hit ist deshalb längst ein professionelles Marketinggeschäft geworden.

Und genau an diesem Punkt beginnt die kritische Seite der Entwicklung.

Wird Musik inzwischen für TikTok geschrieben?

Popmusik brauchte schon immer einen guten Refrain und einen Moment, an den sich der Hörer erinnert. Daran ist nichts neu. Verändert hat sich jedoch die Geschwindigkeit, mit der ein Song überzeugen muss.

Wer durch TikTok scrollt, entscheidet innerhalb weniger Sekunden, ob ein Video interessant ist. Für Musik bedeutet das, dass eine markante Stimme, ein ungewöhnlicher Beat oder ein sofort verständlicher Refrain enorm wertvoll werden.

Dadurch entsteht ein wirtschaftlicher Anreiz, Songs so zu produzieren, dass möglichst früh genau jener Moment auftaucht, der sich für ein kurzes Video eignet. Lange Intros, langsam aufgebaute Spannungsbögen oder Songs, die erst nach einer Minute ihre eigentliche Wirkung entfalten, haben es in dieser Welt schwerer.

Das bedeutet nicht, dass TikTok automatisch schlechtere Musik hervorbringt. Aber die Plattform verändert die Bedingungen, unter denen Musik Aufmerksamkeit bekommt.

Früher fragte man sich bei einer Single, ob sie im Radio funktioniert. Heute kommt eine weitere Frage hinzu: Funktioniert eine Stelle davon auf TikTok?

Wenn ein 30 Jahre alter Song plötzlich wieder neu ist

Gleichzeitig hat TikTok etwas ausgesprochen Spannendes bewirkt. Die Plattform hat das Alter von Musik beinahe bedeutungslos gemacht.

Ein Song muss nicht neu sein, um viral zu werden. Titel aus den 70er-, 80er-, 90er- oder 2000er-Jahren können plötzlich von Millionen jungen Menschen entdeckt werden. Für die Generation Z ist ein alter Song schließlich nicht zwangsläufig mit Erinnerungen an seine ursprüngliche Zeit verbunden.

Wer einen Titel von 1987 im Jahr 2026 zum ersten Mal hört, entdeckt keine alte Musik. Er entdeckt zunächst einfach einen Song, den er noch nicht kannte.

Damit wird TikTok zu einer riesigen musikalischen Zeitmaschine. Ein längst abgeschriebener Katalogtitel kann plötzlich neue Streamingzahlen erzeugen, wieder im Radio auftauchen und einem Künstler ein Publikum bringen, das bei der ursprünglichen Veröffentlichung noch gar nicht geboren war.

Das ist einer der faszinierendsten Widersprüche der Plattform: TikTok verkürzt Musik auf wenige Sekunden und kann gleichzeitig das Leben eines Songs um Jahrzehnte verlängern.

Als die Musik plötzlich verschwand

Wie schwierig das Verhältnis zwischen TikTok und der Musikindustrie inzwischen geworden ist, zeigte Anfang 2024 der Streit mit Universal Music Group.

Nach dem Auslaufen der damaligen Lizenzvereinbarung verschwand Musik zahlreicher Universal-Künstler von der Plattform. Durch die Verlagsrechte von Universal Music Publishing waren darüber hinaus auch Songs anderer Künstler betroffen, an denen Universal-Songwriter beteiligt waren.

Hinter dem Konflikt standen unter anderem die Vergütung für Musik, der Schutz von Künstlern und der Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Für einige Wochen konnte man beobachten, was passiert, wenn einer der größten Musikkonzerne der Welt und eine der wichtigsten Plattformen für Musikentdeckung plötzlich getrennte Wege gehen.

Am Ende dauerte die Trennung nicht lange. Bereits wenige Monate später einigten sich beide Unternehmen auf einen neuen Vertrag und die Musik kehrte zurück.

Gerade diese schnelle Einigung zeigte, wie abhängig beide Seiten inzwischen voneinander geworden sind. TikTok benötigt attraktive Musik für seine Videos. Die Musikindustrie wiederum möchte auf die enorme Reichweite von TikTok kaum noch verzichten.

Jetzt kommt auch noch künstliche Intelligenz hinzu

Noch komplizierter wird diese Beziehung durch KI-generierte Musik.

Stimmen bekannter Künstler lassen sich inzwischen erstaunlich überzeugend imitieren. Damit kann theoretisch ein neuer Song eines Stars entstehen, obwohl dieser Künstler ihn niemals aufgenommen oder überhaupt davon gewusst hat.

TikTok verlangt bei bestimmten realistisch wirkenden KI-generierten oder wesentlich KI-veränderten Inhalten eine Kennzeichnung und hat Regeln gegen irreführende synthetische Medien. Auch in der neuen Vereinbarung mit Universal spielt der Schutz vor nicht autorisierten KI-generierten Inhalten eine wichtige Rolle.

Damit steht die Musikindustrie vor einer völlig neuen Situation. Jahrzehntelang bestand ihre Aufgabe darin, Musik zu produzieren, zu vermarkten und vor illegaler Verbreitung zu schützen. Nun muss sie zusätzlich damit umgehen, dass Musik erzeugt werden kann, die lediglich so klingt, als stamme sie von einem echten Künstler.

Die große Frage nach dem Geld

Natürlich steckt hinter dem Verhältnis zwischen TikTok und der Musikindustrie auch ein klassischer Streit um Geld.

Für TikTok ist Musik ein wesentlicher Bestandteil vieler Videos und damit ein wichtiger Faktor für Aufmerksamkeit und Nutzungsdauer. Für Musiker, Songwriter und Produzenten ist dieselbe Musik dagegen das Ergebnis ihrer kreativen Arbeit und ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage.

Genau deshalb wird seit Jahren darüber gestritten, welchen finanziellen Wert die Nutzung eines Songs auf einer Plattform wie TikTok tatsächlich besitzt.

Dabei wäre es zu einfach, nur auf die direkten Lizenzzahlungen zu schauen. TikTok erzeugt nämlich auch wirtschaftlichen Wert außerhalb seiner eigenen Plattform. Ein Nutzer entdeckt dort einen Künstler, hört anschließend dessen Songs bei einem Streamingdienst, besucht vielleicht ein Konzert oder kauft Merchandise.

Damit ist TikTok gleichzeitig Musikmedium, Werbeplattform, Entdeckungsmaschine und Geschäftspartner der Musikindustrie.

Und genau deshalb ist das Verhältnis so kompliziert.

Schadet TikTok also der Musik?

Wahrscheinlich ist die eigentliche Frage eine andere.

TikTok entscheidet nicht darüber, ob ein Musiker einen guten oder schlechten Song schreibt. Die Plattform verändert aber die Umgebung, in der dieser Song um Aufmerksamkeit kämpfen muss.

Das ist in der Geschichte der Popmusik nichts vollkommen Neues. Das Radio beeinflusste über Jahrzehnte Länge und Struktur erfolgreicher Singles. MTV machte das Musikvideo zu einem entscheidenden Bestandteil einer Karriere. Streaming veränderte später die Bedeutung des Albums und stärkte den einzelnen Song.

Nun verändert TikTok den Moment, in dem wir entscheiden, ob wir einem Titel überhaupt eine Chance geben.

Darin steckt eine enorme Möglichkeit. Ein unbekannter Musiker kann ein Millionenpublikum finden, und ein beinahe vergessener Song kann nach 30 Jahren eine zweite Karriere beginnen.

Problematisch wird es erst, wenn sich das Verhältnis umkehrt.

Wenn ein Musiker nicht mehr darüber nachdenkt, wie sein Song klingen soll, sondern zuerst darüber, welche 20 Sekunden davon der Algorithmus lieben könnte.

TikTok darf entscheiden, wo wir Musik entdecken. Es sollte aber nicht irgendwann entscheiden, wie Musik klingen muss.

Geschrieben von: admin


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