Pop

Brother Louie hinter dem Eisernen Vorhang – wie Dieter Bohlens Sound den Osten eroberte

today15.03.2020

Hintergrund

Mitte der 80er-Jahre teilte der Eiserne Vorhang Europa in zwei politische Welten. Westliche Popmusik ließ sich davon allerdings nur bedingt beeindrucken. Ausgerechnet ein Produzent aus Hamburg lieferte einen Sound, der in Moskau, Ost-Berlin, Warschau und Budapest ebenso funktionierte wie in westdeutschen Diskotheken. Modern Talking und später C.C. Catch wurden im Osten zu Stars, und Dieter Bohlens Mischung aus Eurodisco, Synthesizern, eingängigen Melodien und hohen Falsett-Chören entwickelte dort ein erstaunliches Eigenleben. Warum passte gerade dieser Sound so gut hinter den Eisernen Vorhang?

Als „You’re My Heart, You’re My Soul“ Ende 1984 erschien, dürfte Dieter Bohlen kaum geahnt haben, welche geografische Karriere seine Musik noch vor sich hatte. Gemeinsam mit Thomas Anders hatte er einen Sound entwickelt, der sofort wiederzuerkennen war. Elektronische Drums, einfache Harmonien, große Melodien, englische Texte und die extrem hohen Chöre machten Modern Talking zu einer der erfolgreichsten deutschen Popproduktionen der 80er-Jahre.

In Westeuropa folgte Hit auf Hit. „You Can Win If You Want“, „Cheri, Cheri Lady“, „Brother Louie“ und „Atlantis Is Calling“ machten Bohlen und Anders innerhalb kürzester Zeit international bekannt. Doch während die westdeutsche Öffentlichkeit irgendwann bereits darüber diskutierte, ob Modern Talking vielleicht ein wenig zu viel Modern Talking sei, begann der Sound östlich des Eisernen Vorhangs erst richtig zu wachsen.

Gerade dort entwickelte sich eine Begeisterung, deren Nachwirkungen bis heute zu spüren sind.

Ein Sound, der keine Übersetzung brauchte

Warum ausgerechnet Modern Talking in Osteuropa so gut funktionierte, lässt sich wahrscheinlich nicht mit einem einzigen Grund erklären. Ein entscheidender Vorteil war jedoch die Einfachheit dieser Musik. Man musste kein perfektes Englisch sprechen, um „You’re My Heart, You’re My Soul“ zu verstehen oder nach wenigen Durchläufen mitsingen zu können.

Bohlens Produktionen waren außerdem ausgesprochen europäisch. Sie orientierten sich an jenem elektronischen Disco- und Popsound, der in den 80er-Jahren unter anderem aus Deutschland und Italien kam und heute häufig unter Begriffen wie Eurodisco oder Italo Disco zusammengefasst wird. Synthesizer, Drumcomputer und romantische Melodien erzeugten eine moderne Klangwelt, die gleichzeitig leicht zugänglich blieb.

Für Jugendliche in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei oder der Sowjetunion klang diese Musik nach westlicher Popkultur, ohne so stark an eine bestimmte amerikanische oder britische Szene gebunden zu sein. Modern Talking lieferte gewissermaßen eine europäische Version des großen internationalen Popversprechens.

Dazu kam das Erscheinungsbild. Thomas Anders mit langen schwarzen Haaren, Dieter Bohlen im typischen 80er-Jahre-Look und die Hochglanzästhetik der Videos verkörperten eine glamouröse Welt, die auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs teilweise gerade deshalb faszinierend wirkte, weil sie so weit vom eigenen Alltag entfernt war.

Westmusik war in der DDR komplizierter als verboten oder erlaubt

Bei der Geschichte westlicher Popmusik im Ostblock entsteht schnell ein etwas zu einfaches Bild. Danach sei westliche Musik grundsätzlich verboten gewesen und nur heimlich über geschmuggelte Schallplatten und Kassetten ins Land gekommen.

So eindeutig war die Wirklichkeit nicht.

In der DDR konnten viele Menschen westdeutsches Radio und Fernsehen empfangen und kamen dadurch regelmäßig mit westlicher Musik in Kontakt. Gleichzeitig veröffentlichte das staatliche DDR-Plattenlabel AMIGA ausgewählte westliche Künstler ganz offiziell. Dazu gehörten beispielsweise die Beatles, ABBA, Smokie und später auch Modern Talking.

1986 erschien tatsächlich eine offizielle AMIGA-LP mit dem schlichten Titel „Modern Talking“. Darauf befanden sich acht Songs, darunter „You’re My Heart, You’re My Soul“, „You Can Win If You Want“, „Cheri, Cheri Lady“ und „Brother Louie“.

Das ist ein bemerkenswertes Detail. Während Deutschland politisch durch eine Mauer geteilt war, lagen die Hits eines westdeutschen Produzenten ganz offiziell in ostdeutschen Plattenläden.

Natürlich bedeutete das nicht, dass jede gewünschte westliche Platte jederzeit erhältlich war. Das Angebot war begrenzt und begehrte Veröffentlichungen konnten schwer zu bekommen sein. Genau deshalb existierte parallel eine ausgeprägte Kopierkultur.

Die Kassette machte vor keiner Grenze halt

Wer eine begehrte westliche Platte besaß, hatte etwas Wertvolles. Musik wurde auf Tonband und später auf Kassette kopiert, weitergegeben und erneut kopiert. Manchmal war nach mehreren Generationen einer solchen Aufnahme vom ursprünglichen Klang nicht mehr besonders viel übrig, aber der Song war angekommen.

Diese informelle Verbreitung lässt sich heute kaum noch in Verkaufszahlen ausdrücken. Eine Schallplatte konnte von einem einzigen Käufer erworben werden und anschließend auf Dutzenden Kassetten weiterleben. Westliche Radiosender lieferten zusätzlich ständig neues Material, das direkt aus dem Radio aufgenommen werden konnte.

Damit entstand ein Musikmarkt, der teilweise unabhängig vom offiziellen Plattenhandel funktionierte. Für Künstler und Plattenfirmen war das wirtschaftlich natürlich nur begrenzt attraktiv, kulturell konnte die Wirkung dagegen enorm sein.

Ein Jugendlicher musste keine Modern-Talking-LP besitzen, um „Brother Louie“ hundertmal hören zu können. Es genügte ein Freund, dessen Bruder jemanden kannte, der eine Kassette hatte.

Selbst die Sowjetunion veröffentlichte Modern Talking

Noch erstaunlicher wird die Geschichte beim Blick in die Sowjetunion. Auch dort blieb Modern Talking keineswegs ausschließlich ein Produkt des musikalischen Schwarzmarkts.

Das staatliche sowjetische Label Melodiya veröffentlichte 1987 offiziell „Ready for Romance“, das dritte Album von Modern Talking. In Katalog- und Sammlerdaten wird für diese Ausgabe eine Auflage von rund 400.000 Exemplaren genannt.

Für einen westdeutschen Popact mitten im Kalten Krieg ist bereits diese Größenordnung bemerkenswert. Gleichzeitig dürfte sie die tatsächliche Reichweite der Musik nur unvollständig wiedergeben, denn auch in der Sowjetunion wurden Tonträger und Kassetten privat weiterkopiert.

Modern Talking war damit ein interessantes kulturelles Paradox. Die Musik kam aus Westdeutschland, wurde von staatlich kontrollierten Plattenfirmen sozialistischer Länder offiziell veröffentlicht und verbreitete sich gleichzeitig über einen kaum kontrollierbaren privaten Kopiermarkt.

Der Eiserne Vorhang war politisch ziemlich massiv. Für einen eingängigen Refrain besaß er erstaunlich viele Löcher.

Dann kam C.C. Catch

Dieter Bohlen beließ es nicht bei Modern Talking. Mitte der 80er-Jahre begann er mit der niederländisch-deutschen Sängerin Caroline Müller zu arbeiten, die unter dem Namen C.C. Catch bekannt wurde.

Musikalisch war die Verwandtschaft kaum zu überhören. Auch hier dominierten Synthesizer, elektronische Drums, sofort erkennbare Refrains und jener typische Bohlen-Sound, der schon Modern Talking erfolgreich gemacht hatte.

Titel wie „I Can Lose My Heart Tonight“, „Cause You Are Young“, „Heartbreak Hotel“ oder „Strangers by Night“ wurden insbesondere in Kontinentaleuropa populär. Auch C.C. Catch entwickelte später eine enorme Fangemeinde in Osteuropa und Russland.

Damit entstand beinahe eine eigene musikalische Exportmarke. Man musste nur wenige Sekunden eines Songs hören, um zu erkennen, aus welcher Produktionswelt er stammte.

Gerade diese Wiedererkennbarkeit, die Bohlen in Deutschland später oft vorgeworfen wurde, könnte im internationalen Markt eine seiner größten Stärken gewesen sein.

Hat Bohlen damit im Osten Millionen verdient?

Hier wird die Geschichte wirtschaftlich komplizierter.

Die Popularität eines westlichen Künstlers im damaligen Ostblock lässt sich nicht automatisch in westliche Plattenumsätze übersetzen. Staatliche Lizenzverträge, eingeschränkte Devisenmöglichkeiten und die enorme private Kopierkultur sorgten dafür, dass ein Song millionenfach gehört werden konnte, ohne dass daraus entsprechend hohe Einnahmen für Künstler, Autoren oder Produzenten entstanden.

Deshalb wäre die Behauptung zu einfach, Bohlen habe mit Modern Talking im kommunistischen Osteuropa ein ähnlich lukratives Geschäft betrieben wie in Westdeutschland oder anderen westlichen Märkten.

Genauso falsch wäre allerdings die Vorstellung, dort sei überhaupt kein Geld verdient worden. Offizielle Lizenzpressungen von AMIGA oder Melodiya waren reguläre Veröffentlichungen, hinter denen entsprechende Vereinbarungen standen. Wie viel Geld davon konkret bei Bohlen als Komponist und Produzent ankam, lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen allerdings kaum seriös rekonstruieren.

Der kulturelle Wert dieses Erfolgs sollte sich ohnehin erst viel später zeigen.

Der Eiserne Vorhang verschwand – Modern Talking blieb

Als die sozialistischen Systeme Osteuropas zusammenbrachen, verschwand die Begeisterung für diese Musik keineswegs. Im Gegenteil: Viele Menschen konnten ihre musikalischen Idole nun erstmals unter vollkommen anderen Bedingungen erleben.

Als Modern Talking 1998 ihr Comeback starteten, trafen sie deshalb in Russland und anderen osteuropäischen Ländern auf ein Publikum, das ihre alten Songs teilweise seit seiner Jugend kannte. Später wurden auch Dieter Bohlens Soloauftritte und 80er-Jahre-Retroshows in Russland zu riesigen Veranstaltungen.

Aufnahmen solcher Konzerte wirken aus deutscher Perspektive teilweise erstaunlich. Zehntausende Menschen singen Songs mit, die hierzulande manchmal mit einem ironischen Lächeln betrachtet werden.

Für dieses Publikum sind sie jedoch nicht ironisch.

Sie sind Teil der eigenen Jugend.

Ein Song wie „Cheri, Cheri Lady“ erinnert dort nicht unbedingt an Dieter Bohlen, Thomas Anders oder eine bestimmte Folge der deutschen Hitparade. Er erinnert vielleicht an eine heimlich kopierte Kassette, einen Abend mit Freunden oder die erste Diskothek.

Damit bekam Bohlens Musik in Osteuropa eine Bedeutung, die sich mit Verkaufszahlen allein kaum erklären lässt.

Vielleicht war gerade die Künstlichkeit ihre größte Stärke

Dieter Bohlen wurde in Deutschland über Jahrzehnte für genau jene Eigenschaften kritisiert, die seine Produktionen international erfolgreich machten. Seine Songs seien zu einfach, die Texte zu banal, die Produktionen zu ähnlich und die Refrains zu kalkuliert.

Man kann all diese Kritikpunkte nachvollziehen. Gleichzeitig steckt darin möglicherweise die Erklärung für den enormen internationalen Erfolg.

Bohlens Musik benötigte kaum kulturellen Kontext. Ein Hörer in Moskau musste nicht verstehen, was 1985 gerade in Hamburg angesagt war. Er musste auch keine komplizierten englischen Texte entschlüsseln. Die Melodie, der Beat und der Refrain funktionierten unmittelbar.

Vielleicht war Modern Talking deshalb eines der perfekten musikalischen Exportprodukte der 80er-Jahre.

Die Musik war eindeutig westlich, ohne ausschließlich amerikanisch oder britisch zu klingen. Sie war modern, ohne musikalisch kompliziert zu sein, und romantisch, ohne lange Geschichten erzählen zu müssen.

Während Politiker über Grenzen, Ideologien und Einflusssphären stritten, wanderte dieser Sound auf Schallplatten, Tonbändern und Kassetten einfach weiter.

Und so entstand eine der merkwürdigsten Erfolgsgeschichten deutscher Popmusik: Ausgerechnet Dieter Bohlens synthetischer Eurodisco-Sound wurde für Millionen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang zu einem kleinen Stück Westen.

Die Mauer konnte Menschen aufhalten. „Brother Louie“ offenbar nicht.

Geschrieben von: admin


Fragen, Wünsche oder Lust auf eine Zusammenarbeit? Melde dich bei uns – denn gemeinsam lebt die Musik weiter.

Infos & Rechtliches